Der zunehmende Einsatz von Bluttests zur Erkennung von Prostatakrebs führt zu einer Überlastung der Ärzte. NTNU hat jetzt ein KI-Diagnosetool entwickelt, das dazu beitragen kann, die Belastung zu verringern.
Auf künstlicher Intelligenz basierende Diagnosetools halten nun Einzug in norwegische Krankenhäuser. KI kann selbstständig Röntgenbilder lesen und Knochenbrüche erkennen oder Krebstumore in Brust und Prostata beurteilen.
„KI-Tools können die Erkennung einfacher und eindeutiger Fälle übernehmen, sodass Ärzte ihre Zeit auf komplexere Fälle verwenden können“, sagte Tone Frost Bathen. Sie ist Professorin an der Norwegischen Universität für Wissenschaft und Technologie (NTNU) und Projektmanagerin eines KI-gestützten Analysetools für Prostatakrebs namens PROVIZ.
Tests an Patienten im St. Olavs Hospital zeigen, dass das Tool sehr vielversprechend ist.
KI kann es Radiologen ermöglichen, schneller und genauer zu bestimmen, ob ein Patient eine Biopsie benötigt und wo in der Prostata diese entnommen werden sollte.“
Tone Frost Bathen, Professor, NTNU
Eine aktuelle Studie zeigt, dass Patienten medizinischen Testergebnissen nur dann vertrauen, wenn ein erfahrener Arzt die Erkenntnisse bestätigt.
„Vertrauen in Ärzte und medizinisches Fachpersonal ist der Schlüssel dafür, dass künstliche Intelligenz bei der Diagnose von Prostatakrebs Einzug hält. Technologie allein reicht nicht aus. Menschlicher Kontakt und professionelle Beurteilung bleiben unverzichtbar“, sagte Simon A. Berger, Doktorand an der NTNU.
Prostatakrebs ist ein natürlicher Teil des Älterwerdens
Prostatakrebs ist in westlichen Ländern die häufigste Krebsart bei Männern.
Untersuchungen haben bei 10 Prozent der 50-Jährigen, 50 Prozent der 60-Jährigen und etwa 70 Prozent der Männer über 80 Jahren Prostatakrebs festgestellt.
Dies zeigt, dass die Krankheit natürlicherweise mit dem Alter zusammenhängt.
„Prostatakrebs ist eine Krankheit, an der die meisten Männer sterben mitnicht aus„, fügte Berger hinzu.
Ein Bluttest namens PSA kann bei der Erkennung von Prostatakrebs helfen. Da dieser Bluttest immer häufiger auch bei Männern durchgeführt wird, ist die Zahl der Neuerkrankungen an Prostatakrebs stark gestiegen. Mittlerweile gibt es jedes Jahr etwa 5000 neue Fälle.
Wenn mehr Menschen auf etwas getestet werden, das viele Menschen natürlicherweise im Rahmen des Alterungsprozesses haben, muss auch der nächste medizinische Schritt nach der Blutuntersuchung häufiger durchgeführt werden, damit Ärzte ein umfassenderes klinisches Bild über den Schweregrad erhalten können.
Die meisten vertrauen den Ärzten
Derzeit umfasst dieser nächste Schritt die Anfertigung einer MRT-Untersuchung, die ein detailliertes Bild der Prostata und des umliegenden Gewebes liefert. Diese Bilder müssen von einem erfahrenen Radiologen manuell interpretiert werden. Da die Anzahl der aufgenommenen Bilder stark zugenommen hat, besteht ein Bedarf an neuen und effizienteren Methoden zur Diagnosestellung.
Im Rahmen des PROVIZ-Projekts haben NTNU-Forscher ein KI-gestütztes Tool entwickelt, das Ärzten bei der Interpretation von MRT-Bildern der Prostata helfen kann. PROVIZ ist derzeit nur für den Einsatz im Rahmen des laufenden Forschungsprojekts verfügbar, es sind jedoch Bemühungen im Gange, ein Patent anzumelden und das Tool kommerziell verfügbar zu machen.
Damit ein solches Tool im Krankenhausalltag effizienzsteigernd wirkt, müssen Patienten auch den Erkenntnissen vertrauen, die durch den Einsatz von KI gewonnen werden.
Berger befragte 18 Männer, bei denen durch die Anwendung von PROVIZ Prostatakrebs diagnostiziert worden war. Die Studie zeigt, dass das Vertrauen in Ärzte und Gesundheitsfachkräfte eine entscheidende Rolle dabei spielt, ob Patienten KI im Gesundheitswesen akzeptieren.
„Patienten vertrauen der KI in Fällen mit geringerem Risiko wie Knochenbrüchen, nicht jedoch in Fällen, in denen das wahrgenommene Risiko höher ist, wie etwa bei Krebs. Wenn das wahrgenommene Risiko hoch ist, vertrauen wir am meisten auf spezialisierte Ärzte, die bestätigen können, was die KI herausgefunden hat“, erklärte Berger.
Ärzte als Garanten
In seinen Interviews identifizierte Berger drei verschiedene Dimensionen von Vertrauen.
- Grundlegendes Vertrauen in das Gesundheitssystem: Viele Patienten hatten positive Erfahrungen aus früheren Begegnungen mit dem Gesundheitssystem. Damit wurde ein positives Fundament gelegt.
- Zwischenmenschliches Vertrauen in Gesundheitsfachkräfte: Patienten vertrauten den Ärzten und ihren Einschätzungen. Dieses Vertrauen war ausschlaggebend für die Akzeptanz der KI, denn die Ärzte erklärten und bürgten für die Technologie.
- Mögliches Vertrauen in KI: Obwohl Patienten das Potenzial von KI erkannten, wünschten sie sich bei der Prostatakrebsdiagnostik immer auch eine menschliche Beurteilung. Sie waren besorgt über die Verantwortlichkeit, das professionelle Urteilsvermögen und die (Un-)Fähigkeit der KI, das gesamte klinische Bild zu sehen.
„Die Beziehung zwischen Patient und Arzt ist nach wie vor von entscheidender Bedeutung. Damit KI in der klinischen Praxis akzeptiert wird, müssen Gesundheitsfachkräfte aktive Kommunikatoren und Garanten für Sicherheit sein. Damit Ärzte als Garanten fungieren können, müssen sie zunächst verstehen, wie die KI zu ihren Schlussfolgerungen gelangt ist, damit sie überprüfen können, ob sie die richtige Beurteilung vorgenommen hat. Patienten akzeptieren den Einsatz von KI in einem Rahmen, dem sie bereits vertrauen“, schloss Berger.
Quellen:
Berger, S. A., et al. (2025). Patient Perspectives on Trust in Artificial Intelligence-Powered Tools in Prostate Cancer Diagnostics. Qualitative Health Research. DOI:10.1177/10497323251387545. https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/10497323251387545