Eine internationale Forschergruppe konnte kürzlich nachweisen, dass der Antikörper NG101 die Regeneration von geschädigtem Rückenmarksgewebe fördert. Nun hat die Gruppe unter der Leitung von Wissenschaftlern der Universität Zürich und der Universitätsklinik Balgrist erstmals enthüllt, wie die Therapie tatsächlich funktioniert. Mit einem Schub durch diesen neuartigen Antikörper bilden neue Nervenfasern wieder funktionelle Verbindungen und ermöglichen so den Patienten, unabhängiger zu werden.
Verletzungen des Rückenmarks – oft verursacht durch Sport- oder Verkehrsunfälle – können zu einer Tetraplegie oder Querschnittslähmung führen und die Unabhängigkeit stark einschränken. Ende 2024 schloss eine internationale Forschungsgruppe unter der Leitung der Universität Zürich (UZH) und der Universitätsklinik Balgrist eine multinationale klinische Studie ab, in der Patienten mit akuten Rückenmarksverletzungen erfolgreich mit dem neuartigen Antikörper NG101 behandelt wurden. Die Ergebnisse zeigten, dass NG101 die Rückbildung von Rückenmarksläsionen beschleunigt und vorhandenes Nervengewebe erhält.
Antikörper neutralisiert nicht hilfreiches Protein
NG101 wurde vor rund 30 Jahren an der UZH entdeckt und zielt auf das Protein Nogo-A ab, das in den Hüllen von Nervenfasern im Rückenmark und im Gehirn vorkommt. Dieses Protein blockiert die Heilung geschädigter Nervenfasern im Rückenmark nach einer akuten Verletzung. Durch die Neutralisierung von Nogo-A beseitigt NG101 diese Barriere für Wachstum und Heilung, wodurch die Regeneration der Nervenfasern gefördert und die funktionelle Regeneration des Rückenmarksgewebes unterstützt wird.
Sichtbare Ergebnisse im Rückenmark
Die neueste Studie des Forschungsteams hat ein weiteres entscheidendes Puzzleteil enthüllt.
In unserer neuen Studie konnten wir mithilfe fortschrittlicher bildgebender Verfahren erstmals zeigen, wie diese Antikörpertherapie direkt im Rückenmark wirkt.“
Patrick Freund, UZH-Professor und Leiter des Zentrums für Rückenmarksverletzungen an der Universitätsklinik Balgrist
Die Daten der Magnetresonanztomographie zeigten zwei wichtige Effekte. Erstens heilten Rückenmarksverletzungen in Gegenwart von NG101 schneller, was darauf hindeutet, dass Nervenfasern in dem die Verletzung umgebenden Gewebe regenerieren konnten. Zweitens verlangsamte sich der Verlust von Nervengewebe erheblich und wurde durch das Nachwachsen neuer Nervenfasern ausgeglichen. Wie kritisch dieses Stadium ist, hatten die Forscher bereits in früheren Tierversuchen festgestellt. Dies ist darauf zurückzuführen, dass neu gebildete Nervenfasern einen Weg finden müssen, um die Verletzungsstelle herum oder um sie herum zu navigieren, um die Verbindungswege zwischen Gehirn und Rückenmark wiederherzustellen.
Neue Verbindungen zu peripheren Nerven
Die neuesten Erkenntnisse der Gruppe legen nahe, dass genau dieser Prozess durch NG101 unterstützt wird. „Dadurch können überlebende und neu regenerierte Nervenfasern wieder Verbindungen zu den Rückenmarkszentren herstellen, die die Hand-, Arm- und Beinnerven steuern“, sagt Freund, der die Studie leitete. „Diese Verbindungen sind wichtig für die Weiterleitung von Signalen vom Gehirn an die Muskeln.“ Für einige Patienten bedeutet dies eine größere Chance, die Arm- und Handfunktion wiederherzustellen.
NG101 verbessert nicht nur die Funktion des Rückenmarks, sondern verändert nachweislich auch dessen Struktur, was die Regeneration von Nervengewebe unterstützt. Dies ist ein wichtiger Schritt hin zu neuen, wirksamen Behandlungsmöglichkeiten für Rückenmarksverletzungen. „Wir sind jetzt in der Lage, die Wirkung der Therapie frühzeitig und objektiv sichtbar zu machen“, sagt Freund. „Dies eröffnet die Möglichkeit, zukünftige Behandlungen strategischer einzusetzen und ihre Ergebnisse zuverlässiger zu bewerten.“
Quellen:
Farner, L., et al. (2026). Anti-Nogo-A NG101 treatment induces changes in spinal cord micro- and macrostructure following spinal cord injury. Nature Communications. DOI: 10.1038/s41467-026-71412-0. https://www.nature.com/articles/s41467-026-71412-0