Elektroakupunktur lindert neuropathische Schmerzen und Angstzustände, indem sie bestimmte Schaltkreise im Gehirn aktiviert
Nahezu 10 % der Weltbevölkerung sind von neuropathischen Schmerzen betroffen, und bis zu 60 % dieser Menschen haben auch mit Angstzuständen oder anderen Stimmungsstörungen zu kämpfen. Angst wiederum kann die Schmerzwahrnehmung verstärken und Patienten in einen Teufelskreis verwickeln. Das limbische System des Gehirns – insbesondere emotionale Verarbeitungszentren wie die Amygdala – birgt Hinweise, wie dieser Kreislauf durchbrochen werden kann. Allerdings ist der genaue Zusammenhang, der die Schmerzwahrnehmung mit der Angst verknüpft, bislang kaum verstanden. Frühere experimentelle und klinische Studien haben gezeigt, dass Elektroakupunktur Schmerzen und schmerzbedingte emotionale Störungen lindern kann, die neuronalen Schaltkreise, die diesen Wirkungen zugrunde liegen, sind jedoch noch nicht vollständig verstanden. Aufgrund dieser Herausforderungen besteht ein dringender Bedarf zu untersuchen, wie Elektroakupunktur-basierte Therapien auf der Ebene der neuronalen Schaltkreise wirken.
Forscher der Zhejiang Chinese Medical University, ihrer angeschlossenen Krankenhäuser und des Hangzhou Red Cross Hospital in China veröffentlichten ihre Ergebnisse am 25. August 2025 (DOI: 10.13702/j.1000-0607.20250181). Akupunkturforschung. Das Team verwendete ein Mausmodell für neuropathische Schmerzen, die durch eine teilweise Nervenverletzung im Bein hervorgerufen wurden. Sie kombinierten Elektroakupunktur (100 Hz, 0,3 mA, 30 Min./Sitzung, 6 Sitzungen) an zwei klassischen Akupunkturpunkten – Zusanli (ST36) und Sanyinjiao (SP6) – mit fortschrittlichen Werkzeugen wie Virusverfolgung, Chemogenetik und Faserphotometrie, um die neuronale Aktivität in Echtzeit zu verfolgen und zu manipulieren.
Die Studie zeigte zunächst, dass 5-HT-Neuronen im DRN eine direkte Verbindung zur BLA herstellen, einer wichtigen Eingabestation der Amygdala, die sensorische Informationen aus dem Kortex und dem Thalamus integriert. Bei verletzten Mäusen wurden diese 5-HT-Neuronen im DRN ungewöhnlich ruhig und die Tiere entwickelten sowohl eine erhöhte Schmerzempfindlichkeit als auch angstähnliche Verhaltensweisen, wie z. B. das Vermeiden offener Räume bei erhöhten Labyrinthtests. Nach nur sechs Sitzungen mit 100-Hz-Elektroakupunktur über mehrere Tage hinweg stiegen die Schmerzschwellen deutlich an und das ängstliche Verhalten ließ nach. Die Kalziumbildgebung zeigte, dass die Aktivität von DRN 5-HT-Neuronen innerhalb des DRN5-HT-BLA-Kreislaufs nach einer Verletzung verringert war. Immunfluoreszenzanalysen zeigten außerdem, dass Elektroakupunktur die c-Fos-Expression in DRN 5-HT-Neuronen erhöhte und den Anteil c-Fos-positiver CaMK II-Neuronen im BLA erhöhte, was die Beteiligung des DRN5-HT-BLA-Schaltkreises am Behandlungseffekt unterstützt. Um die Notwendigkeit dieses Schaltkreises zu beweisen, haben die Forscher die DRN5-HT-BLA-Verbindung chemogenetisch gehemmt. Als dieser Schaltkreis unterdrückt wurde, linderte die Elektroakupunktur weder Schmerzen noch Angstzustände – ein klarer Beweis dafür, dass der Schaltkreis nicht nur beteiligt, sondern notwendig ist. Die Immunfluoreszenzfärbung zeigte außerdem, dass Elektroakupunktur die Expression von c-Fos, einem Marker für neuronale Aktivierung, in 5-HT-Neuronen erhöhte. Die Effekte waren spezifisch für die Zielstrecke, ohne dass sich die allgemeine Bewegung oder der Erkundungsdrang veränderte.
„Wir waren überrascht zu sehen, dass eine relativ kurze Elektroakupunkturkur die Aktivität eines bestimmten 5-HT-Signalwegs wiederherstellen konnte, der bei chronischen Schmerzen gehemmt wird.“ sagten die Autoren. „Als wir diesen Schaltkreis absichtlich blockierten, erzeugte die Elektroakupunktur keine signifikanten analgetischen oder anxiolytischen Verhaltenseffekte mehr – das zeigte uns, dass wir einen Schlüsselmechanismus gefunden hatten.“ Die Forscher erklärten, dass das Verständnis, wie Elektroakupunktur mit 5-HT-Schaltkreisen kommuniziert, ihnen ein konkretes neuronales Ziel verschafft. „Anstatt nur Schmerzsignale irgendwo im Gehirn zu dämpfen, scheint Elektroakupunktur ein System wieder ins Gleichgewicht zu bringen, das sowohl Empfindungen als auch Emotionen steuert.“ Deshalb kann es zwei Probleme gleichzeitig lösen.„
Diese Ergebnisse legen nahe, dass Elektroakupunktur eine nicht-medikamentöse Strategie zur Behandlung neuropathischer Schmerzen und ihrer häufigen psychiatrischen Belastung bieten könnte. Die Studie liefert auch eine neurobiologische Grundlage für die Optimierung von Elektroakupunkturprotokollen, beispielsweise für die Verfeinerung von Stimulationsparametern oder die Auswahl von Akupunkturpunkten. Zukünftige Arbeiten könnten testen, ob es Wechselwirkungen zwischen dem DRN5-HT-BLA-Schaltkreis und anderen neuronalen Schaltkreisen gibt. Die Forschung zeigt auch, wie traditionelle chinesische Medizinpraktiken durch die Linse moderner Systemneurowissenschaften verstanden werden können.
Quellen: