Die Auswirkungen von Cannabis auf das Hormonsystem und die männliche Fruchtbarkeit bleiben in der wissenschaftlichen Gemeinschaft umstritten. Eine von der Universität Genf (UNIGE) in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Zentrum für Angewandte Humantoxikologie (SCAHT) durchgeführte Studie liefert eine neue Antwort, indem sie zeigt, dass Cannabiskonsum den Testosteronspiegel bei jungen Männern nicht senkt, sondern möglicherweise sogar die testikuläre Synthese steigert.
Dieser Anstieg des Hormonspiegels kann jedoch nicht direkt mit der Fruchtbarkeit in Verbindung gebracht werden. Diese Schlussfolgerungen basieren auf einer detaillierten Analyse von Plasmaproben von 94 Schweizer Wehrpflichtigen. Darüber hinaus identifizierten die Forscher zwei neue hormonelle Biomarker, die dabei helfen könnten, regelmäßigen Cannabiskonsum zu erkennen. Die Ergebnisse wurden in veröffentlicht Kommunikationsmedizin.
Einige Studien deuten darauf hin, dass Cannabis die Anzahl, Konzentration und Beweglichkeit der Spermien verringern kann. Es wird angenommen, dass diese Effekte mit dem Endocannabinoidsystem zusammenhängen – einem Netzwerk chemischer Botenstoffe und Rezeptoren im Gehirn und in den Fortpflanzungsorganen, das mit Sexualhormonen interagiert. Allerdings waren die Ergebnisse bisher durchgeführter Studien – insbesondere hinsichtlich der Auswirkungen des Cannabiskonsums auf Testosteron – oft widersprüchlich.
Um weitere Untersuchungen durchzuführen, führte ein Team der Abteilung für Pharmazeutische Wissenschaften der Fakultät für Naturwissenschaften der UNIGE unter der Leitung von Professor Serge Rudaz und in Zusammenarbeit mit SCAHT eine eingehende Analyse von Steroidhormonen – einschließlich Sexualhormonen wie Androgenen, Gestagenen und Östrogenen – in Blutplasmaproben von Schweizer Wehrpflichtigen im Alter von 18 bis 23 Jahren durch. Die Kohorte umfasste 47 bestätigte Cannabiskonsumenten und 47 Nichtkonsumenten. Die größte Neuerung dieser Studie liegt in der Ausweitung der Analyse auf Hunderte von Hormonen, während sich frühere Forschungen ausschließlich auf Testosteron konzentrierten.
Anstieg des Testosterons
Unsere Ergebnisse zeigen, dass Cannabiskonsum bei jungen Männern zu einem Anstieg des Testosterons um etwa 23 % führen würde. Doch durch einen genaueren Blick auf alle männlichen Sexualhormone – die Androgene – konnten wir die Ursache dieses Anstiegs speziell in den Hoden lokalisieren. „Die von den Nebennieren produzierten Androgene waren von diesem Anstieg nicht betroffen.“
Serge Rudaz, Professor, Fakultät für Naturwissenschaften, Université de Genève
Cannabis scheint daher eine direkte Wirkung auf die Hoden und insbesondere auf die Leydig-Zellen zu haben, die Testosteron produzieren.
Dank dieser umfassenderen Analyse konnte das Team auch zwei potenzielle neue Biomarker für den Cannabiskonsum identifizieren: Hydroxyprogesteron (11B-OHP4) und Dihydroprogesteron (5B-DHP4).
„Dabei handelt es sich um zwei Metaboliten, die von Progesteron, einem weiteren wichtigen Sexualhormon, abgeleitet sind. Der Anstieg ihrer Konzentration bei Konsumenten ist so hoch, dass sie zur Überwachung endokriner Störungen im Zusammenhang mit regelmäßiger Cannabisexposition verwendet werden könnten. Vor allem sollte diese Entdeckung die wissenschaftliche Gemeinschaft dazu ermutigen, Studien auf neue Hormone auszuweiten, die bisher übersehen wurden und möglicherweise auch eine Rolle im männlichen Fortpflanzungssystem spielen“, erklärt Mathieu Galmiche, ehemaliger Postdoktorand in der UNIGE-Sektion für Pharmazeutik Sciences, jetzt am Karolinska Institutet in Stockholm und Erstautor der Studie.
Kein Zusammenhang mit der Spermienqualität
Dieser Anstieg des Hormonspiegels bei Cannabiskonsumenten sollte jedoch nicht als Indikator für die Spermienqualität interpretiert werden. Der Zusammenhang zwischen Testosteron und Fruchtbarkeit bleibt sehr komplex zu entschlüsseln. Darüber hinaus könnte der beobachtete Anstieg eine kompensatorische Reaktion des Körpers auf die verringerte Empfindlichkeit bestimmter Androgenrezeptoren in Gegenwart von Cannabis darstellen. Es ist auch möglich, dass Männer mit einem von Natur aus höheren Testosteronspiegel anfälliger für Risikoverhalten sind und daher häufiger Cannabis konsumieren.
Während Cannabis offenbar bestimmte biologische Mechanismen im Zusammenhang mit der Fortpflanzung beeinflusst, bleiben die genauen klinischen Auswirkungen auf die Fruchtbarkeit junger Männer unklar. Weitere Untersuchungen sind erforderlich, um festzustellen, ob eine Toxizitätsschwelle besteht, und um mögliche Langzeiteffekte abzuschätzen.
Quellen:
Galmiche, M., et al (2026). Cannabis consumption is associated with altered steroid metabolism in young men. Communications Medicine. DOI: 10.1038/s43856-026-01469-x. https://www.nature.com/articles/s43856-026-01469-x.