Studie zeigt Sicherheit der TTV-gesteuerten Immunsuppression bei Empfängern von Nierentransplantaten
Ein von der Medizinischen Universität Wien koordiniertes internationales Forschungsteam hat in einer klinischen Studie gezeigt, dass die Torque-Teno-Virus-gesteuerte Dosierung von Immunsuppressiva bei Nierentransplantatempfängern sicher ist. Die Ergebnisse der TTVguideIT-Studie, die kürzlich auf dem Jahreskongress der European Society of Nephrology vorgestellt wurden, legen nahe, dass die immunsuppressive Therapie in Zukunft bei bestimmten Patientengruppen weiter personalisiert und reduziert werden könnte. Die Studie bildet den zentralen Abschluss des EU-Projekts TTVguideTX, das von Gregor Bond von der Klinischen Abteilung für Nephrologie und Dialyse der Universitätsklinik für Innere Medizin III der MedUni Wien koordiniert wurde.
Nach einer Nierentransplantation müssen Patienten dauerhaft Medikamente einnehmen, die das Immunsystem unterdrücken. Diese Immunsuppression schützt das transplantierte Organ vor einer Abstoßung. Ist es jedoch zu stark, steigt das Infektionsrisiko; ist es zu schwach, kann es zur Schädigung oder zum Verlust des Organs kommen. Bislang wurde die Dosierung in der Regel anhand festgelegter Zielkonzentrationen des Arzneimittels im Blut gesteuert. Allerdings geben diese Werte nur begrenzt Aufschluss darüber, wie stark das Immunsystem eines Menschen tatsächlich unterdrückt ist.
Die TTVguideIT-Studie untersuchte, ob das Torque-Teno-Virus, kurz TTV, als Biomarker dienen könnte, um die Immunsuppression individueller zu steuern. TTV ist bei vielen Menschen vorhanden, verursacht keine Krankheiten und lässt Rückschlüsse auf die Aktivität des Immunsystems zu: Niedrige TTV-Werte können auf ein überaktives Immunsystem hinweisen, hohe Werte auf ein unteraktives Immunsystem.
Unser Ziel war es, die Immunsuppression nicht nur an festgelegte Medikamentenspiegel anzupassen, sondern sie stärker an den tatsächlichen immunologischen Status der Patienten anzupassen. Die Studie zeigt, dass eine TTV-gesteuerte Anpassung der Dosis des Immunsuppressivums Tacrolimus in der untersuchten Patientengruppe sicher möglich war.“
Gregor Bond, Gesamtkoordinator des Projekts
260 Patienten in 13 europäischen Zentren
An der randomisierten, kontrollierten Phase-II-Studie nahmen 260 erwachsene, stabile Nierentransplantatempfänger mit geringem Risiko für immunologische Erkrankungen und Infektionskrankheiten teil. Die Studie wurde an 13 akademischen Zentren in Österreich, Deutschland, Frankreich, der Tschechischen Republik, den Niederlanden und Spanien durchgeführt. Vier Monate nach der Transplantation wurden die Patienten randomisiert entweder einer TTV-gesteuerten Tacrolimus-Dosierung oder einer Standardbehandlung zugeteilt.
Der primäre Endpunkt umfasste Infektionen, Transplantatabstoßung, Transplantatverlust oder Tod. In der TTV-gesteuerten Gruppe trat dieser kombinierte Endpunkt bei 35 Prozent der Patienten auf, verglichen mit 38 Prozent in der Kontrollgruppe. Damit erreichte die Studie ihr Ziel, die Nichtunterlegenheit der TTV-gesteuerten Dosierung im Vergleich zur Standardbehandlung nachzuweisen. Die Abstoßungsraten in den Protokollbiopsien nach zwölf Monaten waren in beiden Gruppen vergleichbar.
Gleichzeitig hatten die Patienten in der TTV-gesteuerten Gruppe niedrigere Tacrolimus-Spiegel und erhielten niedrigere Tagesdosen. Eine statistisch signifikante Reduzierung der Infektionen konnte in dieser Studie nicht nachgewiesen werden. Die Ergebnisse deuten jedoch darauf hin, dass bei stabilen Patienten mit geringem Risiko eine Verringerung der Immunsuppression möglich sein könnte, ohne die Sicherheit des transplantierten Organs zu beeinträchtigen.
„Das Ergebnis ist ein wichtiger Schritt in Richtung personalisierter Transplantationsmedizin“, sagt Bond. „Die TTV-Messung ist für den klinischen Einsatz zugelassen, kostengünstig, einfach zu messen und leicht zu standardisieren. Dieser Ansatz hat daher das Potenzial, in weiteren klinischen Studien und später möglicherweise in der klinischen Routinepraxis umfassend eingesetzt zu werden.“
Meilenstein für die akademische Transplantationsforschung
Die TTVguideIT-Studie war Teil des EU-finanzierten Horizon 2020-Projekts TTVguideTX. Das Projekt wurde von der MedUni Wien koordiniert und über einen Zeitraum von fünfeinhalb Jahren mit über sechs Millionen Euro gefördert. Beteiligt waren insgesamt 20 Partner aus zehn europäischen Ländern, darunter universitäre Transplantationszentren, Virologie, Studienkoordination, Ethik, Biostatistik und Industriepartner.
Aus österreichischer Sicht war das Projekt auch strukturell bedeutsam: Es handelte sich damals um die größte prüfergesteuerte randomisierte klinische Studie in Österreich. Erstmals haben alle vier österreichischen Transplantationszentren in einer randomisierten klinischen Studie zusammengearbeitet. Darüber hinaus war TTVguideIT die erste akademische Studie, die beim EU-Informationssystem für klinische Studien eingereicht wurde.
Wissenschaftlich markiert die Studie mehrere Schritte in ein neues Feld: Es ist die erste Studie, in der die Immunsuppression nach einer Organtransplantation mithilfe eines Biomarkers kontrolliert wurde, und die erste multizentrische Biomarkerstudie im Bereich der Organtransplantation, die ihren primären Endpunkt erreichte.
Weitere Forschungen sind bereits im Gange
Die Ergebnisse gelten zunächst für stabile, risikoarme erwachsene Nierentransplantatempfänger im ersten Jahr nach der Transplantation. Ob und wie der Ansatz auf andere Patientengruppen, spätere Zeiträume nach einer Transplantation oder andere Organtransplantationen übertragen werden kann, muss in weiteren Studien untersucht werden.
Derzeit läuft in Frankreich eine multizentrische Folgestudie. Es untersucht den TTV-gesteuerten Ansatz bei Patienten ab dem zweiten Jahr nach der Transplantation. Ziel ist es zu klären, ob eine personalisierte Behandlung der Immunsuppression auch in späteren Phasen nach der Transplantation zusätzliche Vorteile bringen kann.
Über TTVguideTX
TTVguideTX war ein von der Europäischen Union im Rahmen von Horizont 2020 finanziertes Forschungsprojekt zur Entwicklung und klinischen Erprobung eines neuen Instruments zur Behandlung der Immunsuppression nach einer Nierentransplantation. Der Ansatz basiert auf der Messung des Torque-Teno-Virus im Blut. Ziel war es, die Balance zwischen ausreichendem Schutz vor Organabstoßung und möglichst geringem Infektionsrisiko besser einzuschätzen.
Quellen:
Herkner, F., et al. (2025). Statistical analysis plan for TTVguideIT—a multicentre, patient- and assessor-blinded, non-inferiority, randomised and controlled phase II trial to compare standard and Torque Teno virus-guided immunosuppression in kidney transplant recipients in the first year after transplantation. Trials. DOI: 10.1186/s13063-025-09119-8. https://link.springer.com/article/10.1186/s13063-025-09119-8